Das
wichtigste Lebensmittel muss Vorrang haben
Ein
Grossteil der Grundwasservorkommen im 3-Seen-Land ist mit Rückständen von
Pestiziden und Nitrat belastet und lässt sich deshalb nicht als Trinkwasser
nutzen. Statt die Ursachen der Probleme anzugehen, begnügt sich die öffentliche
Hand seit Jahrzehnten mit Symptombekämpfung. Damit die Ressource wieder
uneingeschränkt als Trinkwasser genutzt werden kann, muss die Landwirtschaft
ihren Verbrauch an chemischen Hilfsstoffen und Düngemitteln stark reduzieren.
Nötig ist die Umstellung auf einen alternativen Pflanzenschutz, der keine
Rückstände im Wasser hinterlässt.
Ein Grossteil der Grundwasservorkommen im 3-Seen-Land ist mit Rückständen von Pestiziden und Nitrat belastet und lässt sich deshalb nicht als Trinkwasser nutzen. (Bild: Istock)
Bereits
1978 warnte der Berner Kantonschemiker die Bevölkerung der Nachbargemeinden Ins
und Müntschemier im Seeland, die hohen Nitratgehalte ihres Trinkwassers würden
die Gesundheit von Säuglingen gefährden. Wie Qualitätskontrollen zeigten,
überschritten die Konzentrationen der unerwünschten Stickstoffverbindung die
Toleranzwerte der Weltgesundheitsorganisationen zum Teil um mehr als das
Doppelte. Wegen drohender Erkrankungen an Blausucht verbot der Kanton mit
sofortiger Wirkung den Konsum des belasteten Wassers für Kleinkinder bis zu
einem Alter von sechs Monaten. Die Eltern wies man an, für die Zubereitung von
Säuglingsnahrung und Getränken nur noch Mineralwasser zu verwenden. Der übrigen
Bevölkerung in der Region riet der Kantonschemiker «den Konsum an Trinkwasser
auf das absolut notwendige Minimum zu beschränken».
Vermeintliche Problemlösung
Diese
Vorgaben galten jahrelang, bis sich die betroffenen Gemeinden in den späten
1980er-Jahren dem heutigen Wasserverbund Grosses Moos anschlossen. Dessen
Waldquellen und Grundwasser-Pumpwerke in Ufernähe von Saane und Aare sind
weniger mit ausgewaschenem Nitrat belastet. Doch Jahrzehnte nach dem
Trinkwasserskandal hat das Problem der grossräumigen Verunreinigung durch die
Landwirtschaft die Wasserversorgungen im 3-Seen-Land wieder eingeholt. Als
Folge der intensiven ackerbaulichen Nutzung sind nahezu alle Fassungen
übermässig mit Abbauprodukten des in der Schweiz mittlerweile verbotenen
Fungizids Chlorothalonil belastet. Doch auch Herbizide wie Chloridazon,
Dimethachlor und Terbutylazin bereiten vielerorts Sorgen.
Vermeintliche Problemlösung
Diese
Vorgaben galten jahrelang, bis sich die betroffenen Gemeinden in den späten
1980er-Jahren dem heutigen Wasserverbund Grosses Moos anschlossen. Dessen
Waldquellen und Grundwasser-Pumpwerke in Ufernähe von Saane und Aare sind
weniger mit ausgewaschenem Nitrat belastet. Doch Jahrzehnte nach dem
Trinkwasserskandal hat das Problem der grossräumigen Verunreinigung durch die
Landwirtschaft die Wasserversorgungen im 3-Seen-Land wieder eingeholt. Als
Folge der intensiven ackerbaulichen Nutzung sind nahezu alle Fassungen
übermässig mit Abbauprodukten des in der Schweiz mittlerweile verbotenen
Fungizids Chlorothalonil belastet. Doch auch Herbizide wie Chloridazon,
Dimethachlor und Terbutylazin bereiten vielerorts Sorgen.Praktisch alle Trinkwasserversorgungen im 3-Seen-Land kämpfen mit kaum abbaubaren Rückständen des mittlerweile verbotenen Fungizids Chlorothalonil. Die Schadstoffe aus dem Wasser zu entfernen, wird die Konsumenten Millionen von Franken kosten. (Bild: Anja Fonseka)
Was läuft falsch?
︎
Überdüngung
mit Hof- und Mineraldünger, Austräge von stickstoffhaltigen Düngemitteln zur
falschen Zeit sowie brachliegendes Land und eine tiefgründige Bodenbearbeitung
belasten das Grundwasser durch ausgewaschenes Nitrat.︎ Der Einsatz von Pestiziden verunreinigt die ergiebigen Grundwasservorkommen im 3-Seen-Land grossflächig mit langlebigen und kaum abbaubaren Rückständen dieser Chemikalien.
︎ Statt die Ursachen der Wasserverschmutzungen im Bereich der konventionellen Landwirtschaft anzugehen, wird mehrheitlich Symptombekämpfung betrieben. Die Wasserversorger im 3-Seen-Land investieren Millionen, um belastetes Trinkwasser zu verdünnen, auf weiter entfernte Ressourcen zurückzugreifen oder um die Schadstoffe mit aufwendigen Verfahren zu eliminieren.
Ausweichen ist der falsche Weg
Nur
wenige Regionen in der Schweiz verfügen über derart mächtige und ergiebige
Grundwasservorkommen wie das 3-Seen-Land. Doch während diese Ressource im
landesweiten Mittel rund 80 Prozent zur Versorgung mit Trinkwasser
beiträgt, nutzt man dafür etwa in Biel, Murten und Neuenburg mehrheitlich
aufwendig aufbereitetes Seewasser.Eine weitere Ausweichstrategie besteht darin, Waldquellen von Hügelzügen – wie etwa dem Jolimont – anzuzapfen oder auf flussnahe Pumpwerke an Saane und Aare auszuweichen, wo weniger belastetes Uferfiltrat die Schadstoffe aus der Landwirtschaft verdünnt.
Dieser Symptombekämpfung sind allerdings enge Grenzen gesetzt, wie die fast überall im 3-Seen-Land drängende Chlorothalonil-Problematik schonungslos aufzeigt. Zwischen der waadtländischen Orbe-Ebene und den Aare-Mäandern bei Solothurn kämpfen praktisch alle Trinkwasserversorgungen mit übermässigen Konzentrationen von Rückständen dieses früher eingesetzten Fungizids. Im bernischen Worben etwa musste die regionale Wasserversorgung mehrere Grundwasserfassungen wegen bis zu 20-facher Überschreitungen der Grenzwerte vorübergehend stilllegen. Die Schadstoffe aus dem Wasser zu entfernen, wird die Konsumenten Millionen von Franken kosten.
Im landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiet
ist das für die Trinkwassernutzung geförderte Grundwasser häufig mit
Rückstanden von Pestiziden – wie etwa Chlorothalonil – belastet. (Bild: Guy
Perrenoud / AWA Bern)
Die Vision für sauberes Wasser
︎ Das Grundwasser im 3-Seen-Land eignet sich auch in den landwirtschaftlich geprägten Ebenen uneingeschränkt zur Trinkwassernutzung.︎ Die gesetzlichen Höchstwerte für Nitrat, Pestizide, ihre Abbauprodukte und andere unerwünschte Fremdstoffe im Grundwasser werden überall eingehalten.
︎ Die Versorgung der Region mit unbehandeltem, einwandfreiem Trinkwasser aus Grundwasser ist dauerhaft sichergestellt.
Die Analysen von Trinkwasserproben weisen zu hohe Rückstände von Pestiziden nach. Um die Versorgung der Region mit sauberem Trinkwasser garantieren zu können, braucht es eine Umstellung auf einen alternativen Pflanzenschutz, der keine Rückstände im Grundwasser hinterlässt. (Bild: Markus Zeh)
So wird die Vision zur Realität
Besserer Grundwasserschutz
Die heutigen Schutzzonen rund um Trinkwasserfassungen sind zu klein, um das wichtigste Lebensmittel ausreichend vor Schadstoffen zu bewahren. Deshalb muss der planerische Grundwasserschutz gestärkt und auf die gesamten Zuströmbereiche der Trinkwasserfassungen ausgeweitet werden. In diesen sensiblen Gebieten braucht es flächendeckend agrarökologische Produktionssysteme und zumindest für grundwassergängige Pestizide auch Verbote.
Sicherung der Trinkwasserressourcen
In Zukunft werden die Fliessgewässer in Trockenphasen deutlich weniger Wasser führen. Die Möglichkeit zur Verdünnung von Schadstoffen im Grundwasser durch Uferfiltrat und künstlich angereichertes Grundwasser wird daher abnehmen. Im Hinblick darauf sind die unterirdischen Trinkwasserreserven schon jetzt umfassend zu schützen.
Reduktion von Pestiziden
Die Landwirtschaft reduziert ihren Pestizidverbrauch um mindestens 75 Prozent und setzt nur noch umweltverträgliche Wirkstoffe ein, die im Bio-Landbau zugelassen sind. Die Reduktion erfolgt durch vorbeugende Massnahmen wie weniger anfällige Sorten, optimierte Zwischenfrucht, eine nicht chemische Unkrautbekämpfung sowie den gezielten Einsatz von Nützlingen.
Verminderter Nitrat-Eintrag
Durch die Aufgabe von nicht geeigneten Ackerflächen, mehr extensiv genutzte Wiesen, eine dem Nährstoffbedarf der Pflanzen angepasste Düngung, reduzierte Nutztierbestände und stickstoffeffiziente Kulturen nimmt die Auswaschung von Nitrat ins Grundwasser ab.